Das Dresdner Handlungsprogramm

„Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ Chancen für Bildung und Entwicklung in Kindertageseinrichtungen

Die Chancen und Zugänge, die Kinder in ihrer Entwicklung und Entfaltung bekommen, sind unterschiedlich und keinesfalls gleich verteilt. Die Lebenssituationen der Kinder haben maßgeblichen Einfluss darauf, welche Erfahrungen sie machen werden, wie sie aufwachsen und sich entfalten können. Alle Kinder haben jedoch ungeachtet ihrer sozialen und ethnischen Herkunft ein Recht auf eine angemessene Entwicklung und Entfaltung ihrer Potentiale. Diesem Grundsatz folgend hat die Stadt Dresden im September 2008 das Dresdner Handlungsprogramm „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ initiiert, welches bis Mitte 2012 in 32 Kindertagesstätten umgesetzt wird. Mit dieser bildungs- und sozialpolitischen Maßnahme reagiert die Stadt auch auf die im Dresdner Lebenslagenbericht (2008) beschriebenen ungleichen Lebenssituationen von Familien.

Primäres Ziel des Programms ist es, jedem Kind die bestmöglichen Voraussetzungen für seine Entwicklung und Entfaltung zu bieten, dabei aber den besonderen Herausforderungen des Aufwachsens konzeptionell Rechnung zu tragen. Das Dresdner Handlungsprogramm „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ ist in seiner Anlage und Konsequenz ein bundesweit einmaliger, innovativer und konstruktiver Beitrag zur systematischen Weiterentwicklung und Entfaltung von kindorientierten Bildungs-, Erziehungs- und Entwicklungsprozessen in Kindertageseinrichtungen. Es hebt in besonderer Weise die soziale und pädagogische Verantwortung der Kindertageseinrichtungen für den Abbau von Barrieren hervor, um somit Zugänge und Chancen zu förderlichen Bildungs- und Entwicklungsprozessen in der frühen Kindheit zu erschließen.

Unter der spezifischen Herausforderung der Herstellung von Chancengerechtigkeit, wird die pädagogische Arbeit von den Akteuren in den Kindertagesstätten so ausgerichtet und gestaltet, dass sie

a) den Grundbedürfnissen von Kindern gerecht werden (z.B. liebevolle Beziehungen, Freude, Herzlichkeit, körperliche Unversehrtheit, Sicherheit, Akzeptanz, Vertrauen, entwicklungsgerechte Erfahrungen machen, Entspannung, Grenzen und Strukturen kennen, Leben in der Gemeinschaft)

und b) das Entwicklungspotenzial der Kinder aufnehmen und weiter entwickeln (z.B. in den Bereichen Bewegung und Gesundheit, Gestaltung von Beziehungen, Mitbeteiligung und Verantwortungsübernahme, Sprache und Kommunikation, Musik, Tanz, Theater, Bildnerisches Gestalten, Natur und Technik, Mathematik) Die Erreichung der Ziele des Handlungsprogramms geht einher mit einer beständigen Reflexion und Entwicklung der pädagogischen Praxis in den Kindertageseinrichtungen. Hinzu kommen Überlegungen, wie die Eltern und andere Institutionen noch besser in die gemeinsame Aufgabe einbezogen werden können.

Diese Aufgabe kann nicht ohne zusätzliche Ressourcen bewältigt werden. Deshalb unterstützen in allen 32 am Programm beteiligten Kindertagesstätten sozialpädagogische Fachkräfte die Einrichtungen bei der Arbeit im Handlungsprogramm. Diese Fachkräfte sind Teil des Teams in den Kindertageseinrichtungen und begleiten die Einrichtung bei der Umsetzung der Programmziele (z.B. durch konzeptionelle und beraterische Tätigkeit, Elternarbeit, spezifische Projekte, Beobachtung und Reflexion, Vernetzung, Evaluation u.a.). Das Handlungsprogramm wird des Weiteren durch das Kompetenz- und Beratungszentrum „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ bei der Arbeitsstelle Praxisberatung, Forschung und Entwicklung (apfe e.V.) an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (ehs) fachlich unterstützt und wissenschaftlich begleitet.

Konzeption für die Fortschreibung des Handlungsprogramms

Bestandteil des Handlungsauftrages des Kompetenz- und Beratungszentrums war von Beginn an die Entwicklung eines generalisierten Handlungskonzeptes zur Fortführung und Verstetigung des Handlungsprogramms.
Diese nun vorliegende Konzeption zur Fortschreibung des Dresdner Handlungsprogramms „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ knüpft an die zwischen 2008 und 2011 in dessen praktischer Umsetzung gesammelten Erfahrungen an. Ausgehend von der Analyse dieser Erfahrungen ebenso wie der Praxisentwicklungen und deren Rahmenbedingungen in den beteiligten Kindertageseinrichtungen umfasst das fortgeschriebene Handlungskonzept systematische Ableitungen für die weitere Planung und Umsetzung von Strategien und Maßnahmen der Prävention und Kompensation von Folgen sozialer Benachteiligung für das Aufwachsen von Kindern. Auf der Grundlage dieses generalisierten Handlungskonzeptes wurde die weitere Förderung des Programmes für Dresdner Kindertageseinrichtungen im Mai 2012 beschlossen. Die Konzeption soll im Rhythmus von drei Jahren fortgeschrieben werden.
Die Fortschreibung beinhaltet ein optimiertes Auswahl- und Beteiligungsverfahren für Kindertageseinrichtungen, die mit großen Herausforderungen in Folge risikoreicher Lebenslagen von Kindern und Familien konfrontiert sind. Dieses Verfahren integriert einen mehrperspektivischen Zugang zur Beschreibung von Risikofaktoren an den Standorten und ein von Beginn an partizipatives Verfahren mit Blick auf die Einrichtungen.
Des Weiteren – und dies ist Kernstück der Konzeption – wird ein weiterentwickeltes Handlungskonzept „Auswachsen in sozialer Verantwortung“ entfaltet, welches Aussagen zu Bedarfen, pädagogischen Leitlinien, institutionellen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt zu notwendigen Entwicklungsprozessen auf der Einrichtungsebene sowie hierzu notwendigen Rahmenbedingungen und Unterstützungssysteme enthält und argumentativ aufeinander bezieht.

Bildungs- und Sozialpolitische Einordnung des Handlungsprogramms

Die familiären und gesellschaftlichen Bedingungen unter denen Kinder aufwachsen, haben einen maßgeblichen Einfluss auf deren Entwicklung und Entfaltung und damit direkte Auswirkungen auf Lebenschancen. Die Ergebnisse der PISA-Studien haben noch einmal eindrücklich den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg vor Augen geführt. Aber auch andere Studien, wie z.B. die AWO-ISS-Studie, die sich mit der Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit beschäftigt, bestätigen einen Zusammenhang zwischen Armut und Bildungserfolg. Ohne entsprechende materielle Sicherheit sowie kulturelles und soziales Kapital sind die Bildungschancen der Kinder geringer. Neben den Elternhäusern haben aber auch Kindertagestätten und Schulen eine soziale und pädagogische Verantwortung für die Möglichkeiten und Chancen, wie sich Kinder entwickeln und entfalten. Die Herstellung von Chancengerechtigkeit sieht das Bundesjugendkuratorium (vgl. Bundesjugendkuratorium 2008) als zentrale Herausforderung für zukunftsfähige Kindertageseinrichtungen. Das Dresdner Handlungsprogramm „Aufwachsen in sozialer Verantwortung“ setzt den zentralen Schwerpunkt auf die Bewältigung dieser Herausforderung. Hierbei kommt es stärker als bisher darauf an, das einzelne Kind mit seinen Lebenssituationen, Potentialen, Wünschen und Neigungen in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit in den Kindertageseinrichtungen zu stellen. Benachteiligungen und Einschränkungen in der Entwicklung und Entfaltung von Kindern auf Grund begrenzt zur Verfügung stehender sozialer, kultureller und ökonomischer Möglichkeiten bedürfen im Sinne von Chancengerechtigkeit besonderer Beachtung, ausgleichender Mittel und Angebote. Hierzu müssen nicht nur Möglichkeiten und Ressourcen, z.B. in Form von genügend Kita-Plätzen und ausreichendem sowie qualifiziertem Personal, zur Verfügung gestellt werden, sondern jede einzelne Kita muss dem jeweiligen Bedarf eine entsprechende Konzeption ihrer pädagogischen Arbeit gegenüberstellen. Diese ist so zu gestalten, dass alle Kinder einbezogen sind und in ihrer Entwicklung entsprechend gefördert werden. Hiermit setzt das Handlungsprogramm an den generellen Bildungsbemühungen im Elementarbereich an, die in Sachsen durch den „Bildungsplan“ repräsentiert sind (vgl. Sächsisches Staatsministerium für Soziales 2006). Das Handlungsprogramm widersetzt sich explizit einfachen Mechanismen von populistischer Stigmatisierung und Ausgrenzung von Kindern und Eltern in besonderen Lebenssituationen.

Die hohen Anforderungen und Erwartungen, die an Kindertageseinrichtungen als sozial- und frühpädagogische Bildungseinrichtung im Allgemeinen und im Kontext des Handlungsprogramms im Speziellen gestellt werden, müssen zum einen mit den entsprechenden Ressourcen ausgestattet und zum anderen auch von Bestrebungen weiterer Qualifizierung und Professionalisierung von Erzieherinnen und Leitungen aus Kindertageseinrichtungen begleitet sein.